Belarus im Wandel?

Flagge Belarus

Heute möchte ich Euch auf ein ganz anderes Thema aufmerksam machen.

Als ausgewiesener Bücherwurm ist dies allerdings auch mit einem Buchtipp verbunden.

Aber ich fange wohl von vorne an, falls ich heraus finde, wo bei diesem Thema vorne ist.

Allgemeiner Überblick

Im August 2020 rückte ein Staat in den Fokus der Medien, der sonst eher nicht so viel Aufmerksamkeit erhält. Es waren die Präsidentschaftswahlen, die der bisherige Präsident Lukashenko, wie jedes Mal seit 1994, für sich entschied. Er erklärte sich mit über 80 % zum Gewinner der Wahl, die nach Meinung von Wahlbeobachtern und internationalen Stimmen manipuliert wurde.

Allerdings war die Bevölkerung Belarus nicht damit einverstanden. Der Betrug war dieses Mal zu offensichtlich. Es kam zu großen friedlichen Protesten der Bevölkerung, die die Staatsmacht äußerst brutal zu unterdrücken versucht. Es gibt Berichte von Folter und Todesfällen im Zuge von Verhaftungen und Gewaltausbrüchen.

Einen ausführlicheren Überblick über die Entwicklung und aktuelle Lage findet Ihr auf der Seite des Razam e.V. Dort gibt es auch eine Liste mit Internetseiten, die über die aktuelle Lage im Land berichten und vom Regime in Belarus teilweise verboten wurden.

Wieso ich die Entwicklung verfolge

In meinen persönlichen Fokus rückte Belarus wahrscheinlich hauptsächlich, weil ich ein Fan der belarusischen Band Irdorath bin.

Ich folge der Band in den sozialen Medien, seit ich sie vor ein paar Jahren das erste Mal bei einem Auftritt auf einem Mittelaltermarkt in Hildesheim gesehen habe.

Die aktuelle Entwicklung am Beispiel der Band

Im letzten Jahr teilte die Band auf ihrem Instagram-Account Videos von ihrer Teilnahme an den Protestmärschen und Auftritten bei den sogenannten Hofkonzerten.

Ende des Jahres berichteten sie, dass sie ihre Arbeit verloren hatten und dass sie aus dem Probenraum der Band geworfen wurden.

Bei YouTube findet Ihr großartige Videos, die die Band in ihrem Account hochgeladen hat.

Und unter einem anderen Account findet sich ein Video eines Protestmarsches – friedlich! – bei dem die Band ein bekanntes belarusisches Lied spielt: Peremen, in kyrillischen Buchstaben Перемен geschrieben. Das bedeutet Wandel.

Der Schock

Dieses Lied ist jetzt der Grund, warum die Bandmitglieder, die Crew und einige Freunde bei einer kleinen privaten Geburtstagsfeier von Nadzeya am 2. August dieses Jahres verhaftet wurden!

Morgens habe ich noch die Social Media Posts aus Anlass ihres Geburtstages gesehen, habe gratuliert und mich darüber gefreut, dass es ihnen allen anscheinend gut geht.

Aber als ich dann abends zu Hause von der Verhaftung erfuhr, war ich entsetzt. Über deutsche Freunde der Band versuchte ich heraus zu finden, was passiert ist und vor allem, wie ich helfen kann. Logisch. Ich wollte nicht untätig sein. Ein großer Aufschrei müsste doch durch die Medien gehen. Es kann doch nicht sein, dass Musiker verhaftet werden, weil sie ihre normale Arbeit gemacht haben?

Doch zunächst baten die Familien darum, das Thema nicht öffentlich zu machen. Die Hoffnung bestand, dass die „Gerichtsverhandlungen“ glimpflich ausgehen könnten und nur Geldstrafen ausgesprochen würden. Leider war dies nicht der Fall. Es kann zu teilweise längeren Haftstrafen kommen. Und so wurde der Protest laut und lauter.

Und was jetzt?

Aber so wie jetzt der Band ging es vor ihnen schon vielen anderen Kulturschaffenden, Künstlern, Journalisten oder ganz einfach Privatleuten, die bei den friedlichen Protesten dabei waren! Bisher hat es mich nicht so stark berührt, da ich diese Menschen höchstens als Namen wahrgenommen habe, aber die Person dahinter nicht kannte. Das ist bei der Band im Grunde auch nur ein oberflächliches „Kennen“, aber durch die regelmäßigen Beiträge und den Austausch über die sozialen Medien besteht da schon eine gewisse tiefere Verbindung.

Jedes Video, jeder Beitrag, den ich also rund um die Verhaftung der Bandmitglieder sehe oder lese, berührt mich so stark, dass es mich zum Weinen bringt. Es ist ein Gefühl der Ohnmacht und Hilflosigkeit, welches mich befällt. Natürlich lebe ich hier in Freiheit in einer funktionierenden Demokratie und kann mir nicht annähernd vorstellen, wie es ist, im Gefängnis zu sitzen und Gewalt und Folter ausgesetzt zu sein.

Ich vermag an der Situation nichts zu ändern. Wie gerne würde ich einfach nach Belarus fahren und die Gefängnisse öffnen und alle politisch Gefangenen befreien. Da das nicht geht, versuche ich mit meiner geringen Reichweite ein wenig Einfluss auf die Allgemeinheit auszuüben.

Deshalb: Seht nicht weg!

Seht nicht weg. Macht Euch für die Belarusen stark, die unschuldig in Haft geraten, weil sie nicht in einer Diktatur leben wollen.

Öffnet Eure Augen und Herzen. Schreibt den Gefangenen Briefe ins Gefängnis, damit die Machthaber sehen, dass diese Menschen nicht vergessen sind. Oder wendet Euch an Eure Abgeordneten, damit sie ihren Einfluss geltend machen. Unterschreibt eine der Petitionen. Spendet Geld. Jede Kleinigkeit ist ein wertvoller Beitrag.

Linksammlung

Auf diesen verlinkten Seiten finden sich teilweise noch weitere Links, um sich weiter zu informieren.

Es ist wichtig, dass der öffentliche Druck nicht nachlässt. Vielleicht gibt es in Eurer Stadt ja auch eine Demo oder eine Aktion von Exil-Belarusen und anderen Aktivisten. Die freuen sich sicher, wenn Ihr daran teilnehmt oder zumindest Eure Solidarität bekundet.

Oder schaut bei der alternativen belarusischen Botschaft vorbei, wenn ihr in Berlin seid.

Wenn Ihr über das Thema in den sozialen Netzwerken berichten wollt, nutzt Hashtags wie #solidaritywithBelarus, #westandBYyou, #freeIrdorath und andere.

Ich hoffe so sehr, dass die Inhaftierten gesund bleiben und bald wieder frei kommen!

Da war doch noch was? Ach ja, der Buchtipp!

Jetzt komme ich noch zu dem versprochenen Buchtipp. Ich habe das Buch in kürzester Zeit gelesen. Es ist eindrucksvoll, erschütternd und berührend. Aktueller geht es kaum. Ich kann es Euch nur wärmstens empfehlen!

  • Titel: Minsk. Tagebuch
  • Autorin: Julia Cimafiejeva
  • Verlag: edition.fotoTAPETA
  • Einband: Klappenbroschur
  • Umfang: 128 Seiten
  • Link zum Buch
Das Buch

Klappentext:

Aus dem Englischen von Andreas Rostek

Die belarusische Dichterin Julia Cimafiejeva ist seit November letzten Jahres Writer in Exile in Graz. Dort hat Cimafiejeva ein Tagebuch weitergeführt, das sie in den Tagen vor den Präsidentschaftswahlen in ihrem Land im August 2020 begonnen hat – es liegt hier erstmals auf Deutsch und überhaupt erstmals in dieser Form veröffentlicht vor: Eine Chronik der Ereignisse in klaren, eindrücklichen Worten, eine Chronik von Hoffnung und Gewalt, Notizen aus einem Land, das von einem absurden autoritären System in eine offene Diktatur abgleitet – weil die Belarusinnen und Belarusen sich mit den Lügen der Machthaber nicht mehr abfinden.

Über die Autorin:

Julia Cimafiejeva

Dichterin und Übersetzerin, geboren 1982 in der Nähe von Brahin, Belarus. Bisher drei Bücher mit Gedichten, zuletzt die Sammlung ROT (so im belarusischen Original), erschienen 2020 in Minsk. Ihre Arbeiten wurden auch in mehrere Sprachen übersetzt. Auf deutsch erschien in der edition.fotoTAPETA übersetzt von Thomas Weiler und Tina Wünschmann die Sammlung ZIRKUS (Berlin, 2019). Ende 2020 trat Cimafiejeva mit ihrem Mann, dem Schriftsteller Alhierd Bacharevič, einen längeren Aufenthalt in Österreich Graz an.

Von Rabiata

Born to be alive.

2 Kommentare

  1. Hi, Rabiata! Thank you for writing about my book and thank you for supporting Irdorath. I just wanted to tell you that I’m a former Irdorath guitarist’s sister. Piatro, his wife Yuliya and other musicians are now imprisoned in Minsk. And Piecia mentioned in the book is him…

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